Vom Schädelbruch zum WM-Tor: Raúl Jiménez' emotionale Wiederkehr
Sechs Jahre nach einer lebensgefährlichen Kopfverletzung erzielt der mexikanische Stürmer im Eröffnungsspiel der Heim-WM ein Tor unter Tränen – und gedenkt seines verstorbenen Vaters.

Es war ein Augenblick, der die 80.824 Zuschauer im Estadio Azteca verstummen ließ, bevor ein Sturm der Begeisterung losbrach: In der 67. Minute des WM-Eröffnungsspiels zwischen Mexiko und Südafrika stieg Raúl Jiménez am zweiten Pfosten empor, traf per Kopf zur 2:0-Führung und brach unmittelbar danach in Tränen aus. Der 35-jährige Stürmer, der eine gepolsterte elastische Binde über dem Schädel trug, richtete beide Zeigefinger gen Himmel – eine Widmung an seinen vor drei Monaten verstorbenen Vater gleichen Namens. Es war das erste Tor des Angreifers bei einer Weltmeisterschaft und zugleich der Schlusspunkt eines 2:0-Sieges, mit dem Mexiko erstmals nach sieben gescheiterten Anläufen ein WM-Auftaktspiel gewann.
Der emotionale Ausbruch hatte eine Vorgeschichte, die Jiménez' Karriere beinahe beendet hätte. Am 29. November 2020 prallte er in einem Premier-League-Spiel zwischen Wolverhampton und Arsenal mit dem Brasilianer David Luiz so unglücklich zusammen, dass er eine schwere Schädelfraktur und eine Hirnblutung erlitt. Eine Notoperation rettete sein Leben; die behandelnden Ärzte sprachen von einem „Wunder“, dass er überhaupt überlebte. Nach acht Monaten Rehabilitation kehrte er im Mai 2021 mit einer speziell angefertigten Kopfschutzbande auf den Rasen zurück – einem „weichen Helm“, der seither zum unverwechselbaren Markenzeichen seiner Auftritte geworden ist und den er auch bei seinen späteren Stationen in Wolverhampton und Fulham trug.
Die weltweite Berichterstattung über diesen Moment offenbart bemerkenswerte regionale Akzente. Mexikanische Medien wie Reforma und Infobae rücken die nationale Erlösung und die familiäre Widmung in den Vordergrund, während europäische Blätter – darunter El Mundo aus Spanien und die italienische HuffPost – den medizinischen Aspekt betonen und Jiménez als „miracolato“ feiern, dem die Ärzte einst sagten, es sei ein Wunder, dass er überhaupt wieder auf dem Platz stehe. Publikationen aus dem arabischen und asiatischen Raum, etwa Gulf News, India Today und Emirates 24/7, verweben die Geschichte zu einer universellen Erzählung über unbezwingbaren Willen. Die argentinische La Nación ergänzt die Perspektive um die Schilderungen seiner Ehefrau, die die bangen Stunden nach dem Unfall dokumentierte. Diese grenzüberschreitende Resonanz zeigt, dass Jiménez' Schicksal weit über den Fußball hinaus als menschliche Triumphgeschichte verstanden wird.
Der Rahmen, in dem sich dieses Drama entfaltete, ist selbst historisch: Die WM 2026 ist das erste Turnier mit 48 Mannschaften und wird von drei Nationen – den USA, Kanada und Mexiko – gemeinsam ausgerichtet. Das Eröffnungsspiel im Azteca-Stadion, das bereits 1970 und 1986 WM-Endspiele erlebte, verlieh Jiménez' Tor eine zusätzliche symbolische Wucht. Dass Mexiko trotz einer frühen Roten Karte für den Südafrikaner Sphephelo Sithole nicht höher gewann, trübte die Stimmung nur am Rande; die Nacht gehörte dem Stürmer, der vom Rand des Karriereendes zurückgekehrt war.
Für den weiteren Turnierverlauf ist Jiménez nun mehr als ein Torjäger – er ist die Verkörperung einer Widerstandskraft, die das mexikanische Team beflügeln könnte. Seine schützende Binde wird bei jedem Kopfball an die Zerbrechlichkeit des Lebens erinnern, doch sein Tor hat bereits jetzt einen Platz in der WM-Geschichte sicher. Die Frage, ob Mexiko den emotionalen Schwung in der Gruppe A nutzen kann, bleibt offen; die Gewissheit, dass Jiménez' Weg von der Intensivstation ins WM-Rampenlicht eine der bewegendsten Geschichten dieses Turniers ist, steht bereits fest.
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