Verschwundene Leichen, milde Urteile: Wenn Mordfälle die Justiz herausfordern
In Schweden wird ein altes Grubenloch erneut untersucht, in Australien plädiert die Verteidigung auf «keine Leiche, kein Mord», und in Brasilien empört ein mildes Urteil. Drei Kontinente, ein gemeinsames Thema: die Grenzen der Strafverfolgung.

In den westschwedischen Wäldern bei Norberg hat die Polizei erneut ein altes Grubenloch abgesperrt. Es ist dasselbe Loch, in dem vor vier Jahren eine schwer verletzte Frau gefunden wurde – sie hatte überlebt, nachdem ein Mann sie vergewaltigt und hinuntergestoßen hatte. Der Täter wurde 2022 wegen versuchten Mordes und schwerer Vergewaltigung verurteilt. Nun ermittelt die schwedische Cold-Case-Einheit «Kalla fall» wegen eines weiteren mutmaßlichen Mordes an derselben Stelle. «Es sind neue Informationen aufgetaucht, die uns zwingen, den Ort zu untersuchen», sagte Polizeisprecher Stefan Larsson. Die Ermittler stehen vor einer gefährlichen, schwer zugänglichen Grube; notfalls sollen Drohnen eingesetzt werden. Der Fall weckt Erinnerungen an ungelöste Vermisstenfälle, die auch in Deutschland und Österreich immer wieder Cold-Case-Kommissionen beschäftigen.
Während in Schweden ein mögliches Verbrechen ohne Leiche rekonstruiert werden muss, spielt die Abwesenheit eines Körpers auch im australischen Brisbane eine zentrale Rolle. Dort steht Mark Sheridan Waden vor Gericht, weil er seine amerikanische Freundin Priscilla Brooten ermordet haben soll. Die 46-Jährige verschwand spurlos, ihre Leiche wurde nie gefunden. Verteidiger James Godbolt argumentierte vor den Geschworenen, Brooten könne noch am Leben sein und ihren «unter dem Radar» geführten Lebensstil fortsetzen – sie habe sich jahrelang illegal in Australien aufgehalten. Die polizeilichen Suchmaßnahmen nannte er «äußerst unzureichend». Der Prozess zeigt, wie sehr eine fehlende Leiche die Beweisführung erschweren kann, ein Problem, das Strafverfolger von Sydney bis Stockholm kennen.
Ebenfalls um die Grenze zwischen Leben und Tod – und um die Definition von Mord – kreist ein Verfahren im norwegischen Tønsberg. Der als «Sterbehelfer» bekannte Steinar Wangen soll eine Schwedin aus Trollhättan im Herbst 2024 mit einem Kissen erstickt haben. Die Anklage fordert 15 Jahre Haft und sieht eine Wiederholungsgefahr. Wangen räumt ein, beim Tod der Frau anwesend gewesen zu sein, bestreitet aber das Ersticken. Sein Anwalt Gaute Nilsen warnte das Gericht: «Die Rechtssicherheit steht auf dem Spiel.» Der Fall berührt eine Debatte, die in der Schweiz und in Deutschland unter dem Stichwort Suizidhilfe hochsensibel geführt wird – und die Frage, wann Hilfe zum Töten wird.
In Brasilien wiederum hat ein abgeschlossenes Verfahren Empörung ausgelöst. Yuri Ramos Coutinho Nóbrega wurde in João Pessoa für den Tod seiner Freundin Luanna Alverga, die er 2017 mit einem Jagdgewehr erschoss, zu nur sechs Jahren Haft im offenen Vollzug verurteilt. Der Bruder des Opfers, Luiz Alverga, sagte einem lokalen Fernsehsender: «Hätten wir gewusst, dass das Urteil so ausfällt, hätten wir es besser gelassen. Das Gefühl ist: Verbrechen lohnt sich wirklich.» Fast neun Jahre hatte die Familie auf den Prozess gewartet. Die milde Strafe nährt in der Bevölkerung Zweifel an der Wirksamkeit des Rechtssystems – eine Sorge, die weit über Brasilien hinausreicht.
Die vier Fälle aus Schweden, Australien, Norwegen und Brasilien verbindet mehr als nur der Vorwurf der Tötung. Sie werfen ein Schlaglicht auf strukturelle Schwachstellen: die Abhängigkeit von Leichenfunden für eine Verurteilung, die unklare Abgrenzung zwischen Sterbebegleitung und Tötungsdelikt sowie eine Strafzumessung, die das Vertrauen in die Justiz untergräbt. Während schwedische Cold-Case-Ermittler auf neue Hinweise hoffen, zeigt sich in Brisbane, Norberg, Tønsberg und João Pessoa gleichermaßen, dass das Ringen um Gerechtigkeit oft an den Rändern des Beweisbaren stattfindet.
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