Kolumbien beschuldigt Ecuador der „vorsätzlichen Einmischung“ in die Präsidentschaftswahl
Wenige Stunden vor der Wahl wirft Bogotá Quito vor, mit der Ankündigung von Zollaufhebungen nach einem Gespräch mit dem rechtsgerichteten Kandidaten Abelardo de la Espriella den Wahlkampf zu beeinflussen.

Schwere diplomatische Verstimmung zwischen Kolumbien und Ecuador wenige Stunden vor Öffnung der Wahllokale: Das Außenministerium in Bogotá beschuldigte den ecuadorianischen Präsidenten Daniel Noboa am Samstag der „vorsätzlichen Einmischung“ in die bevorstehende Präsidentschaftswahl. Zuvor hatte Noboa öffentlich gemacht, mit dem kolumbianischen Oppositionskandidaten Abelardo de la Espriella eine Vereinbarung getroffen zu haben, wonach Ecuador die noch im Februar verhängten Strafzölle auf kolumbianische Importe zum 1. Juni aufheben werde. Gemeinsam wolle man den Kampf gegen den Drogenhandel entlang der Grenze verstärken. Kolumbiens Präsident Gustavo Petro, der selbst nicht zur Wiederwahl steht und den linken Kandidaten Iván Cepeda unterstützt, reagierte empört und warf nicht nur Noboa, sondern auch dem republikanischen US-Senator Bernie Moreno vor, sich in die Souveränität des Landes einzumischen. „Weder Noboa noch Bernie lehren einen Kolumbianer, wer im Unrecht ist. Wir sind frei“, ließ Petro verlautbaren.
Die jüngste Eskalation ist Teil eines bereits im Februar entbrannten Handelskonflikts, als Quito der Regierung in Bogotá Untätigkeit bei der Bekämpfung der Kriminalität im Grenzgebiet vorwarf und einen Aufschlag von 100 Prozent auf Einfuhren aus dem Nachbarland verhängte. Kolumbien konterte mit gleichhohen Vergeltungszöllen. Nun betonte das kolumbianische Außenministerium, die Aufhebung dieser Maßnahmen sei keineswegs ein freiwilliger politischer Akt Noboas, sondern folge einer bindenden Entscheidung der Andengemeinschaft (CAN). Auch der Internationale Währungsfonds soll die handelshemmenden Maßnahmen gegenüber Ecuador kritisiert haben. Aus Quitoer Sicht hingegen wurde die Zollrücknahme als Zeichen künftiger Kooperation mit einem möglichen Präsidenten de la Espriella inszeniert, was in Bogotá als offener Versuch gewertet wird, den Wahlausgang zugunsten der Rechten zu beeinflussen.
Die kolumbianische Wahl ist von extremer Polarisierung geprägt. Umfragen sehen Cepeda und de la Espriella als aussichtsreichste Kandidaten für eine erwartete Stichwahl. Noboas Annäherung an de la Espriella könnte als Modell einer konservativen Achse in der Region verstanden werden, während Petro auf eine Fortsetzung seines linksgerichteten Kurses hofft. Die Regierung in Bogotá kündigte ihrerseits an, die eigenen Vergeltungszölle gegen Ecuador ebenfalls aufzuheben, verband dies jedoch mit scharfer Kritik am Zeitpunkt und an der „irreführenden“ Darstellung Noboas. Internationale Beobachter sehen in dem Vorgang einen gefährlichen Präzedenzfall für die Einmischung in Nachbarstaaten, der das ohnehin fragile Vertrauen in demokratische Prozesse in Lateinamerika weiter erschüttern könnte.
Unabhängig vom Wahlausgang am Sonntag dürften die diplomatischen Spannungen fortbestehen. Eine Wiederannäherung Quitos und Bogotás unter neuen Vorzeichen – sei es mit einem Präsidenten de la Espriella oder Cepeda – hängt entscheidend davon ab, wie glaubwürdig die jeweilige Seite den Schutz der gemeinsamen Grenze vor dem organisierten Verbrechen umsetzt. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die wirtschaftliche Vernunft der CAN-Regeln oder die politische Instrumentalisierung von Handelsfragen die Oberhand behält. Für deutsche und europäische Beobachter bleibt die Entwicklung in der Andenregion ein Prüfstein für die Stabilität eines Kontinents, der zunehmend zum Schauplatz geopolitischer Rivalitäten wird.
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