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Europas demographische Schere: Frankreichs historischer Rückgang und lokale Schrumpfungsprozesse

Erstmals in Friedenszeiten droht Frankreichs Bevölkerung langfristig zu schrumpfen, während Deutschland durch Zuwanderung stagniert und schwedische Gemeinden dramatisch altern – ein Kontinent im demographischen Umbruch.

Gesellschaft6 Quellen4 Sprachen3 Min. LesezeitAkt. 15:06

Frankreich steht vor einer demographischen Zäsur. Nach Jahrzehnten des Wachstums könnte die Bevölkerung bereits 2037 ihren Höhepunkt erreichen und danach stetig abnehmen. Nach dem neuen Referenzszenario des nationalen Statistikinstituts Insee wären es im Jahr 2070 noch 65,9 Millionen Einwohner – 3,2 Millionen weniger als 2026. Loup Wolff, Leiter der demographischen Studien bei Insee, sprach gegenüber Le Figaro von einem «beispiellosen» und «historischen» Vorgang: «Wir haben in unserer jüngeren Vergangenheit kein Beispiel für einen derartigen Bevölkerungsschwund ohne Krieg auf eigenem Territorium.» Die Projektionen, die alle fünf Jahre aktualisiert werden, zeichnen ein Land, das nicht nur schrumpft, sondern auch altert und kulturell vielfältiger wird.

Ganz anders stellt sich die Lage in Deutschland dar. Zwar bekommen Frauen hier im Durchschnitt nur 1,35 Kinder – deutlich unter der Erhaltungsschwelle von 2,1 –, doch die Gesamtbevölkerung hält sich erstaunlich stabil. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lebten Ende 2025 rund 83,5 Millionen Menschen in der Bundesrepublik, ein leichter Rückgang von 100.000 gegenüber dem Vorjahr, aber nahezu identisch mit dem Niveau von 2020. Die Erklärung liegt in der Zuwanderung, deren Steuerung politisch umstritten ist. Der Streit um Einbürgerungen, wie er gerade um CDU-Chef Friedrich Merz entbrannt ist, unterstreicht, dass Migration für Deutschland weniger eine Frage der Identität als der demographischen Stabilität ist.

Schweden illustriert, wie sehr demographische Verwerfungen regional zuschlagen können. Die Provinz Västernorrland verlor zwischen 2021 und 2025 netto mehr als 3.000 Einwohner, bei gleichzeitigem Rückgang der unter 20-Jährigen um 2.400 und einem Zuwachs der über 65-Jährigen um 1.600. Bis 2040 könnte die Region um weitere 14.000 Menschen schrumpfen. In Karlskrona wiederum nimmt die Bevölkerung seit Monaten ab, woraufhin Sozialdemokraten, Zentrum und Linkspartei nun eine temporäre Bevölkerungskommission fordern, um gegenzusteuern. Diese lokalen Krisen zeigen, dass Schrumpfung nicht nur eine abstrakte nationale Zahl ist, sondern konkrete Auswirkungen auf Steuereinnahmen und öffentliche Daseinsvorsorge hat.

Selbst in der Schweiz, die sich gesamthaft über Zuwandererströme eher stabilisiert, schlagen die demographischen Veränderungen durch. Die am 14. Juni im Kanton Zürich zur Abstimmung stehende Wohnschutzinitiative versucht, den Druck auf angestammte Quartiere zu mildern und gleichzeitig nötige Verdichtung zuzulassen. Ein pragmatischer Ansatz, der den Balanceakt zwischen Bewahrung und Wandel spiegelt.

Insgesamt entsteht ein facettenreiches Bild eines Europas, das demographisch auseinanderdriftet. Während Deutschland den Bevölkerungsstand über Migration halten kann, droht Frankreich ein schleichendes Schrumpfen. Vor allem ländliche und altindustrielle Regionen – von Nordschweden bis in die Provinz – erleben bereits heute drastische Alterung und Bevölkerungsschwund. Die Politik wird sich darauf einstellen müssen, dass klassische Wachstumslogiken nicht mehr überall tragen.

Diese Geschichte erschien in

6 Quellen · 4 Sprachen · 24h-Fenster

Le Figaro8. Juni, 12:19
HuffPost Italia8. Juni, 12:19
Le Monde8. Juni, 12:19
Blekinge Läns Tidning8. Juni, 05:34
Sundsvalls Tidning8. Juni, 13:36
Neue Zürcher Zeitung (NZZ)8. Juni, 05:31