Anmelden
Ausgabe von 06:00 CETFreitag, 12. Juni 2026
287 Quellen · 16 Sprachen0 Briefings heute
Dienstag, 9. Juni 2026 · Ausgabe von 06:00 CET

Drohnenkrieg: Tote in Tschernihiw und Tuapse – USA suspendieren Ölsanktionen

Beide Kriegsparteien überziehen sich mit massiven Drohnenangriffen. Während in der Ukraine eine weitere Angriffswelle Tod und Zerstörung bringt, kappt Washington die Ölsanktionen gegen Russland und verschärft Kiews Not.

Geopolitik4 Quellen3 Sprachen3 Min. LesezeitAkt. 07:58

In der Nacht zum 19. April haben sich die Luftschläge zwischen Russland und der Ukraine bedrohlich intensiviert. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe feuerten russische Streitkräfte 236 Kampfdrohnen auf Ziele in der Ukraine ab, von denen 203 abgefangen werden konnten. Dennoch schlugen 32 Drohnen an 18 Orten ein; Trümmerteile verursachten weitere Schäden an acht Orten. In der nordostukrainischen Stadt Tschernihiw starb ein 16-jähriger Jugendlicher unter den Trümmern eines Gebäudes, vier weitere Personen wurden verletzt. Der Gouverneur berichtete von schweren Zerstörungen an einem Lyzeum, Wohnhäusern, einem Industrieobjekt und einem bereits 2022 von den Russen zerstörten Krankenhaus.

Zeitgleich führte die ukrainische Armee selbst tiefe Schläge in russisches Territorium. Im Schwarzmeerhafen Tuapse tötete eine Drohne einen Mann und verletzte einen weiteren; im Hafen brach ein Brand aus. Herabfallende Trümmer beschädigten die Verglasung einer Grundschule, eines Kindergartens, einer Kirche und eines Wohnhauses, zudem wurde eine Gasleitung getroffen. Im südrussischen Taganrog griffen ukrainische Raketen und Drohnen das Unternehmen „Atlant Aero“ an, das nach Darstellung des ukrainischen Generalstabs Drohnen des Typs „Molniya“ und Komponenten für die Aufklärungsdrohne „Orion“ entwickelt und produziert. Drei Menschen wurden verletzt. Moskau spricht von Terrorangriffen, während Kiew die Schläge als legitime militärische Ziele gegen die Rüstungsindustrie des Aggressors rechtfertigt.

Die neue Eskalationsstufe der wechselseitigen Luftoffensive fällt in eine Phase, in der die USA die Unterstützung für die Ukraine drastisch zu reduzieren drohen. Die Regierung Trump hat überraschend die Durchsetzung von Sanktionen gegen russisches Öl ausgesetzt. Aus Kiewer Sicht entspricht dies einem Geschenk von rund zehn Milliarden Dollar an Moskau – allein durch die faktische Freigabe von 110 derzeit auf See befindlichen Tankern mit russischem Rohöl. Während Washington sein Augenmerk auf den Konflikt mit dem Iran richtet, treibt das Vorgehen einen Keil in das westliche Bündnis und vertieft die Sorgen in Berlin und Wien vor einer dauerhaften Entfremdung der USA von Europa.

In diesem zermürbenden Abnutzungskrieg verändern Drohnen nicht nur die taktische Dynamik, sondern auch das gesellschaftliche Gefüge. Wie die japanische Zeitung Mainichi Shimbun berichtet, hat die ukrainische Armee eine vorwiegend weibliche Drohneneinheit mit dem Beinamen „Harpien“ aufgestellt. Die Pilotin Osoka, eine 24-jährige Bioinformatikerin, erklärte, für die Steuerung der Kampfdrohnen seien weder Körperkraft noch physische Ausdauer entscheidend; ihre Erfahrung als Gamerin komme ihr zugute. Die Einheit, die unter anderem die auffällig rosa lackierte Angriffsdrohne „Vampir“ einsetzt, rekrutiert seit April 2025 gezielt Frauen. Dies illustriert, wie der Krieg jahrzehntealte Geschlechterrollen in den Streitkräften aufweicht und zugleich den Verlust einer ganzen Generation junger Männer an der Front spiegelt.

Der Drohnenkrieg wird somit zum Gleichmacher auf dem Gefechtsfeld – und gleichzeitig zum Spiegel geopolitischer Verwerfungen. Während Kiew immer neue Anstrengungen zur Selbstbehauptung unternimmt, schwindet die Zuverlässigkeit des transatlantischen Partners. Europa und die deutschsprachigen Staaten stehen vor der Frage, wie sie die Entstehung einer dauerhaft eigenständigen ukrainischen Verteidigungsfähigkeit fördern können, solange der amerikanische Schutzschild brüchig bleibt. Die jüngsten Schläge beiderseits der Grenze zeigen, dass eine rein militärische Lösung nicht in Sicht ist – und dass der Preis des Krieges täglich von Zivilisten getragen wird.

Diese Geschichte erschien in

4 Quellen · 3 Sprachen · 24h-Fenster

Lenta.ru
The Sydney Morning Herald
The Mainichi Shimbun
Radio Liberty