Chinas Machtanspruch: Von Rhetorikwandel bis zu arktischen Invasionsgerüchten
Während Washington seine Tonlage gegenüber Peking anpasst, betont China in Lateinamerika Kooperation. Ein Experte sieht darin Zeichen eines amerikanischen Niedergangs, doch Spekulationen über eine Aggression gegen Russland nähren Zweifel.

Beim jüngsten Shangri-La-Dialog in Singapur überraschte US-Verteidigungsminister Pete Hegseth mit einer auffallend zurückhaltenden Rede. Noch im Vorjahr hatte er China scharf angegriffen, doch diesmal war von Konfrontation wenig zu spüren. Der pensionierte chinesische Oberst Zhou Bo, heute Fellow an der Tsinghua-Universität, wertete diesen Wandel in einem Beitrag für die South China Morning Post als mögliches Anzeichen eines amerikanischen Niedergangs. Hegseth verspreche nun, „stark, leise und klar“ zu sein – ein Gesichtswandel, den Zhou mit der Maskenwechselkunst der Sichuan-Oper vergleicht.
Der Tonwechsel in Washington fällt in eine Zeit, in der Peking seinen globalen Anspruch selbstbewusst formuliert. Bereits in einem Fox-News-Interview hatte Zhou Bo erklärt, Chinas Aufstieg sei längst vollzogen: „China steigt nicht auf – es ist bereits aufgestiegen.“ Als Zielmarke für eine Weltklasse-Militärmacht nennt er das Jahr 2049, den hundertsten Gründungstag der Volksrepublik. Diese historische Perspektive – von der Annäherung unter Nixon bis zur heutigen Rivalität – verdeutlicht, wie sehr sich die Kräfteverhältnisse verschoben haben.
Parallel zu solchen Großmachtambitionen bemüht sich China um ein Bild kooperativer Partnerschaft, insbesondere in Lateinamerika. Zhang Run, Chef der Lateinamerika-Abteilung im chinesischen Außenministerium, betonte laut der mexikanischen Zeitung La Jornada, dass Pekings Engagement in der Region frei von geopolitischen Berechnungen sei. Es gehe um Entwicklung und gegenseitigen Nutzen, nicht um Strategien gegen Dritte. Die Länder Lateinamerikas müssten selbst entscheiden, mit wem sie befreundet sein wollten – eine klare Spitze gegen die US-Blockadepolitik gegenüber Kuba.
Doch so geschlossen die „Freundschaft ohne Grenzen“ zwischen Peking und Moskau wirkt – ein Bericht des argentinischen Mediums El Cronista nährt Zweifel. Internationale Verteidigungsanalysten spekulieren dort, China könnte eine Militäroffensive gegen Russland planen, um die Kontrolle über die Arktis zu erlangen. Mit dem Abschmelzen des Eises öffnen sich wertvolle Handelsrouten; wer sie beherrscht, sichert sich einen entscheidenden Vorteil. Ausgerechnet der Partner Russland, der heute über die längste arktische Küstenlinie verfügt, würde so zum Ziel.
Aus deutschsprachiger Perspektive bleibt die Einschätzung schwierig. Chinas Doppelgesicht – kooperative Rhetorik hier, versteckte Aggressionspläne dort – stellt auch für Berlin, Wien und Bern eine Herausforderung dar. Während die Wirtschaft auf stabile Beziehungen drängt, mahnen Sicherheitskreise zur Vorsicht. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob der amerikanische Tonwechsel eine neue Phase der Entspannung einläutet oder ob er, wie Zhou Bo nahelegt, Schwäche offenbart. Fest steht: Die Rivalität der Großmächte wird die globale Ordnung weiter prägen.
Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.
Der Besuch des italienischen Verteidigungsministers und Hegseths Reise in die Normandie erfolgen, während die USA Truppenkürzungen in Europa ankündigen, und sie unterstreichen die Aufforderung, dass Europa selbst für seine Sicherheit sorgen müsse, was Skepsis und pragmatische Eigenverantwortung fördert.
Die historische Entwicklung der Rivalität zwischen den USA und China wird von Nixon bis zum unvermeidlichen Aufstieg Chinas nachgezeichnet; entscheidend sei, wie Peking seine Macht einsetzt – eine sachliche, langfristige Einordnung ohne Panikmache.
Ein Teil der lateinamerikanischen Presse feiert die chinesische Zusammenarbeit als gegenseitigen Nutzen ohne geopolitische Berechnung und verurteilt die US-Blockade gegen Kuba, während andere Medien mit alarmierenden Spekulationen über einen Dritten Weltkrieg und eine chinesische Arktis-Invasion Russlands aufwarten.
Aus chinesischer Perspektive zeigt die Rede des US-Verteidigungsministers in Singapur – weniger Angriffe auf China, kein Wort zu Taiwan – den amerikanischen Niedergang; hinter dem 'Gesichterwechsel' und dem Versprechen stiller Stärke verberge sich strategische Verwirrung.
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