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Tonys 2026: Zwischen radikaler Gegenwartskritik und glamouröser Flucht

Die 79. Tony Awards feierten mit «Death of a Salesman» und «Liberation» düstere Zeitdiagnosen, während John Lithgow Geschichte schrieb und Popstar Pink die Gala in ein akrobatisches Spektakel verwandelte.

Gesellschaft11 Quellen6 Sprachen3 Min. LesezeitAkt. 15:12

Die 79. Verleihung der Tony Awards in der New Yorker Radio City Music Hall geriet am Sonntagabend zu einem Spiegel einer zerrissenen Nation. Während die von Joe Mantello inszenierte Wiederaufnahme von Arthur Millers «Death of a Salesman» (Tod eines Handlungsreisenden) mit sechs Preisen, darunter für die beste Wiederaufnahme und Laurie Metcalf als beste Nebendarstellerin, triumphierte, setzten die Juroren ein klares Zeichen für ein politisch aufgeladenes Theater. Das Stück, eine radikale Neubefragung des amerikanischen Traums, wurde zum Favoriten einer Saison, die von düsteren Gegenwartsdiagnosen geprägt war. Mit Bess Wohls «Liberation», das bereits mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden war und nun den Tony für das beste neue Theaterstück erhielt, wurde zudem eine Produktion gekrönt, die den Kampf einer Frauengruppe im Ohio der 1970er Jahre gegen frauenfeindliche Strukturen als historisches Lehrstück für die Gegenwart inszeniert.

Im Schauspiel setzte John Lithgow gleich zwei Rekorde: Der 80-jährige Mime gewann für seine Darstellung eines radikalisierten Roald Dahl in «Giant» den Preis als bester Hauptdarsteller und ist damit der älteste Gewinner in dieser Kategorie. Zudem markiert sein Sieg mit 53 Jahren die längste Zeitspanne zwischen zwei Tony-Auszeichnungen; seine erste Trophäe hatte er 1973 erhalten. Er setzte sich dabei gegen prominente Konkurrenten wie Nathan Lane durch, was aus Branchenkreisen in Los Angeles als Überraschung gewertet wurde. Im Musical-Segment avancierte unterdessen «Schmigadoon!» mit Auszeichnungen für das beste Musical, die beste Musik und das beste Buch zum großen Abräumer und ließ die Vampir-Adaption «The Lost Boys» mit ihren zwölf Nominierungen hinter sich.

Aus europäischer Perspektive bemerkenswert war die ironische Kommentierung der Preisverleihung in der russischen Exilpublizistik. So zog Radio Liberty eine scharfe Parallele zwischen dem Broadway-Hit «Titaníque», einer Céline-Dion-Parodie auf den Untergang der Titanic, und dem Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum. In beiden Fällen handle es sich um eine Parodie – das eine ein talentiertes, schillerndes Spektakel, das andere eine «Parodie auf das vom Krieg bestimmte Leben». Die Analyse verdeutlicht, wie US-amerikanische Kulturereignisse selbst in Zeiten geopolitischer Konfrontation als Projektionsfläche für innenpolitische Satire im russischsprachigen Raum dienen.

Den äußeren Rahmen der Gala bestimmte die Sängerin Pink, die in ihrem Debüt als Gastgeberin eine Hommage an das Theater lieferte. In einer spektakulären, an «Peter Pan» angelehnten Flugeinlage schwebte sie über die Bühne, bevor Neil Patrick Harris sie scherzhaft auf den aktuellen Vampir-Hype um «The Lost Boys» hinwies. Pink konterte mit einem temporeichen Medley, das in einem «Moulin Rouge!»-Finale gipfelte und den Saal in ein Mode- und Akrobatikspektakel verwandelte. Die Botschaft des Abends blieb dennoch ambivalent: Während das Publikum den Eskapismus feierte, ehrten die Juroren jene Werke, die der gesellschaftlichen Zerrissenheit Amerikas eine ungeschönte Bühne boten.

Wie dieselbe Geschichte anderswo erzählt wird.

TonTemperaturFokusPositionierungHorizont
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Die Tonys feierten die besten Arbeiten in einem als seltsam und düster beurteilten Jahr; 'Schmigadoon!' und 'Liberation' wurden zu Leuchttürmen der Kreativität vor dem Hintergrund politischer Fäulnis und sozialer Rückschritte. Die bedeutendsten Auszeichnungen, von Wiederaufnahmen bis zu scharfzüngigen neuen Werken, trotzten dem Zynismus und betonten die Frauenrechte, während Gastgeberin Pink Aufrichtigkeit und Punk-Energie einbrachte. So wurden die Preise zum Gegenentwurf einer Welt, in der Politiker sich als Mafiabosse aufführen und die Klimakatastrophe droht.

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Das mit einem Tony ausgezeichnete Parodie-Musical „Titanique“ wurde dem Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg als Spiegel vorgehalten; beide als Inszenierungen des Scheins, wobei Putins Version eine Parodie auf das von Krieg und Leid bestimmte Leben sei. Der Beitrag stellte die geniale Respektlosigkeit der Broadway-Show dem grotesken Treiben des Kremls gegenüber und verdeutlichte die Kluft zwischen künstlerischer Posse und realer menschlicher Tragödie. So gerät die Preisberichterstattung zur Abrechnung mit der Absurdität der russischen Eliteveranstaltungen.

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Die Berichterstattung rückte den Triumph von „Tod eines Handlungsreisenden“ als Anklage gegen den amerikanischen Traum in den Vordergrund; das Stück gewann sechs Preise, darunter die beste Wiederaufnahme. Sie verwies zudem auf die umstrittene Rückkehr des Produzenten Scott Rudin nach Missbrauchsvorwürfen, die einen Schatten auf die Saison wirft. Indem sie Arthur Millers Zerlegung gebrochener amerikanischer Versprechen betont, hinterfragte die Erzählung implizit die auf dem Broadway gefeierten Werte.

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Die Tony-Zeremonie wurde als gleißende Modenschau und atemberaubende Akrobatik-Eröffnung von Pink inszeniert, die in einem Peter-Pan-Kostüm durch die Lüfte schwebte. Die Berichterstattung verweilte bei schneiderischen Details, dramatischen Silhouetten und schimmernden Stoffen, die den roten Teppich in einen theatralischen Laufsteg verwandelten. Der Abend wurde als Fest des Glamours und der Star-Power dargestellt, weit entfernt von politischer Spannung oder kritischem Diskurs.

Diese Geschichte erschien in

11 Quellen · 6 Sprachen · 24h-Fenster

Vedomosti8. Juni, 06:43
Los Angeles Times8. Juni, 05:32
Khabar Online8. Juni, 07:57
An-Nahar8. Juni, 07:57
The New York Times8. Juni, 06:44
Gulf News8. Juni, 07:56
Radio Liberty8. Juni, 11:05
The Independent8. Juni, 07:56